Ich habe eineinhalb Jahre gezögert diesen Text zu veröffentlichen: Mein erster großer und vielleicht wichtigster Vortrag überhaupt

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Lange habe ich gehadert, ob ich über dieses Erlebnis schreiben soll. Eineinhalb Jahre lang. Bis heute.

„Nein, tu‘ das nicht!“ sage ich mir. Immer wieder klopfe ich mir auf die Hände. „Andere sollen über Dich sprechen, aber nicht Du selbst.“ Es sind diese alten Schwellenwächter, die immer wieder in mir aufschreien und verhindern wollen, dass sich etwas… – nein – dass ich mich ändere. Vielleicht kennen Sie das.

Dann, vor zwei Tagen, am 27. September habe ich auf einer Veranstaltung in Frankfurt folgende Worte von Florian Langenscheidt (genau, der aus der ‚Lexikon-Dynastie‘) gehört. Er sagte: „92 Prozent aller Sorgen erweisen sich als unbegründet.“

Wow. Das saß. Wie bei einem Höhlentaucher, der seine Flosse auf den Boden schlägt, hat das ein Sediment in mir aufgewirbelt, das noch lange brauchen wird, um sich wieder zu legen.

Also, worauf warte ich? Raus jetzt mit dem Text.

Es begann im Frühjahr 2012. Mein Photobusiness lief … naja … mau und ich sah mich neuen Einnahmequellen um. Ich verschicke eine Auswahl meiner Burma-Bilder an alle möglichen Vortragsveranstalter. In der Hoffnung, dass ich meine Bilder im Rahmen einer abendfüllenden Show zeigen könnte. Unter den Adressaten war auch Dieter Glogowski.

Ich hatte Glück: Dieter lud mich zu sich ein. Es war August 2012. Dieter fragt mich aus: „Hast Du denn schon mal so einen Vortrag gehalten?“ Ich verneinte. „Traust Du Dir das denn zu“. Ich zögerte und nickte. „Ich muss Dir etwas gestehen,“ sprach Dieter weiter „ich habe Dich schon für die Weitsicht im April 2013 eingeplant.“ Ich schluckte, lies mir meine kleine Freude und meine Riesenangst nicht anmerken, und sagte zu.

Dieter gab mir noch unzählige Tipps und Empfehlungen, darunter „Du musst den Vortrag vorher zehnmal halten.“ Jaja. Mach’ ich ja. Warum nimmt sich dieser Totalprofi für mich Totalvortragslaien nur so viel Zeit?

Rückblickend muss ich noch hinzufügen, dass es einen Riesenunterschied ausmacht, ob man einfach nur gute Bilder macht (kann ich) oder ob man einen guten Bildvortrag hält (konnte ich damals definitiv nicht.)

Was habe ich das unterschätzt!

Gleich nach dem Treffen mit Dieter programmierte ich wie ein Wahnsinniger an meiner Bildershow (man braucht dazu eine spezielle Software, mit der man Bilder schön überblendet und mit Musik und O-Tönen hinterlegt: Wings Platinum). Es ist sehr viel Bastelarbeit. So saß ich jeden Tag 12 bis 16 Stunden am Rechner und habe die erste Show gebaut. 10 Tage lang genau bis zu meinem ersten Vortrag auf Usedom. Es schuf eine multimediale Rundreise, einen Bilderknaller nach dem nächsten, eine Tour de Force durch Burma.

Es hat nicht funktioniert.

Usedom war strategisch so gewählt, dass ich mich bloß nicht vor Berliner Publikum – oder gar Freunden – blamieren würde. Der Vortrag zählte 35 Zuschauer. Ich habe gnadenlos überzogen. Zwei Stunden habe ich das Publikum mit meinen Bildern zugeballert. Eine Sehenswürdigkeit nach der anderen. Keine Pause. Bam bam bam.

Das Publikum flüchtete total ermüdet aus dem Saal. Dennoch, es war gut, dass ich die Schau dort hielt. Aber so könnte ich sie niemals auf Dieters Festival WEITSICHT halten. Ich müsste irgendwas noch drehen, ändern. Aber was? Wie?

Kurz vor Weihnachten 2012 habe ich beim Jahresendausmisten ein Buch über Drehbuchschreiben im Bücherregal wiedergefunden. Aha. Mal reingucken.

Während ich das staubige Buch durchblätterte, erinnerte ich mich: Während meiner ersten Reise nach Burma, 2005, fing ich überhaupt wieder an, zu fotografieren. Es war quasi eine Reinkarnation meines fotografischen Werdegangs – nachdem ich Jahre zuvor meine gesamte Fotoausrüstung verkauft hatte. In Burma überfiel mich eine frische namenlose Energie und ließ mich wie im Fieberwahn pausenlos Bilder machen. Auf der zweiten Burma-Reise, die ich alleine bestritt, habe ich nichts anderes gemacht, als vier Wochen lang „Geo-Fotograf“ zu spielen. Wenn ich schon keiner bin, dann tue ich halt so. Also habe ich meinen Traum vier Wochen lang gelebt.

Ich schlug das Buch zu. Warum sollte ich das nicht im Vortrag erzählen?

„Bist Du wahnsinnig solche persönlichen Dinge preiszugeben!“ schrie es in mir. „Was sollen die Leute denken? Du Angeber!“ So ging es wochenlang. Immer wieder geiferte mein innerer Kritikkobold „Gifti“. Er spuckte und meckerte, was das Zeug hält. „Du kannst das nicht! Spinnst Du!! Sie werden Dich auslachen, hahaha!!!“

Irgendwann durchschaute ich Gifti. Gifti hat einen großen Nachteil. Er reagiert nur. Er wird nie selbst aktiv. Vor Gifti kommt nämlich noch etwas anderes. Ich nenne es den „ersten frischen Impuls“. Diese erste wundersame, magische, pure Idee. Die aus der Mitte des Kopfes entspringt und Dir dann bewusst wird.

Gift kann nur die Fliegenpatsche nehmen und darauf rumhauen. Mehr nicht.

Und Gift … hält jetzt mal die Fresse.

Ich baute meinen Vortrag um, mit einigen Einsprengseln aus meinem Leben – nicht zu viel, das Publikum will ja auch was von Burma sehen.

Dann kam der große Tag in Darmstadt im April 2013.

„Die WEITSICHT ist ausverkauft.“ sagte mir Dieters Assistentin. Ja, was heißt da jetzt? „Das heißt: in jeder Vorstellung sitzen 730 Leute.“ Wie bitte? Siebenhundertdreißig. Es gibt keine Tickets mehr.

Das kann ja was werden.

Am Ende des ersten Festivaltages war ich mit der Probe an der Reihe, denn ich war der erste am darauffolgenden Sonntag. Es war 23:30 Uhr und die beiden Techniker wollten sicher nach Hause. Leider gab’s ein Mißverständnis und ich habe nicht die Dinge vorbereitet, die vorzubereiten waren. Was für ein Mist, meine Schuld, ich hätte nochmals nachfragen müssen. Wie peinlich. Dieter war sauer und das zu recht! Die Temperaturen am Technikpult stiegen deutlich an, aber schnell hat sich alles wieder beruhigt und vertragen. Dennoch: Es war alles meine Schuld.

Zurück im Hotel habe ich noch bis halb vier Uhr nachts meinen Vortrag eingesprochen. Ich wollte auf jeden Fall „liefern“ und die Erwartungen nicht enttäuschen.

Um 7 Uhr früh schreckte ich aus dem Bett, meditierte und spurtete ungefrühstückt zur Vortragshalle.

10 Uhr. Die Türen öffnen sich und die Masse strömt ein. Und wirklich, bis auf den letzten Platz ist der Saal voll. Ich höre meinen Herzschlag im Ohr. Dieter moderiert mich an, es geht los.

Es läuft gut. Doch in einem Kapitel komme ich ins Stocken: Meine Cousine Ulrike bringt 1976 die Geo-Erstausgabe aus Hamburg in meine Heimat Lüneburg mit. Vor mir zehnjährigem Pimpf entblättert sich eine exotische, ungesehene Welt… Ulrike ist nur wenige Wochen vorher, im Februar 2013, gestorben. Das greift mich jetzt an, ich ringe um Fassung. Ich lasse alles zu, was da kommen mag und denke „So bin ich und Ihr müsst mich so nehmen.“

Kurz vor dem Vortragsende Dank an die Burmesen und meine Familie, Abschlussworte und noch einmal fünf Minuten Liebeserklärung an die Burmesen: Meine schönsten Portraits unterlegt mit Musik, ausgewählt von meinem Patenkind Danilo, Ulrikes Sohn. Der Kreis schließt sich.

Dann geht das Saallicht an. Applaus. Dieter steht vorne an der Bühne und gibt mir ein Zeichen, dass ich in die Mitte der Bühne gehen soll. Das tue ich. Immer noch Applaus. Es hört nicht auf. Dieter kommt auf die Bühne, nimmt mich in den Arm, spricht irgendetwas zum Publikum. Ich sehe Tränen in seinen Augenrändern. Der alte Fuchs mit seinen über 25 Jahren Bühnen-, Festival- und Vortragserfahrung! Wie schön.

Dann stehen die Leute auf. Und klatschen weiter.

Es hört nicht auf. Es ist nicht zu glauben. Was passiert hier?

Nichts von dem habe ich auch nur im Entferntesten erwartet. Es ist eine der größten und schönsten Überraschungen meines Lebens. Ich bin sehr dankbar dafür. Es ist ein ganz großes Geschenk.

Ich möchte auch meinem Mentor Dieter an dieser Stelle noch einmal danken. Er steht mir immer und vorbehaltlos mit Rat, Tat und Hilfe zur Seite. Danke!

Jetzt sitze ich in hier Berlin, tippe diese Zeilen und frage mich, was da eigentlich passiert ist, welches magische Elixier ich auf der WEITSICHT gewinnen durfte. Ich glaube, es ist dies: Am Anfang war da ein kleiner Impuls, eine Idee, ein kleiner Strang. Mit viel regelmäßigem ‚Training’, Disziplin und Urvertrauen, mit diesen Düngern und Katalysatoren wuchs ein belastbarer Muskel, der nun Teil von mir ist.

Daher möchte ich Ihnen mitgeben: Vertrauen Sie dem ersten, frischen Impuls. Haben Sie Mut, Grenzen zu überwinden. Trainieren Sie Ihren „Muskel“.

 

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